Die Taube: Friedenssymbol oder Plagegeist?
22.09.2020

Wie aus der Brieftaube die "Ratte der Luft" wurde


2020 ist die Turteltaube zum Vogel des Jahres gekürt worden.
Es gibt kaum ein romantischeres Symbol auf Hochzeiten, als weiße Tauben.
Und auch darüber hinaus, steht die Taube für Frieden, Fruchtbarkeit und Liebe.   

Wie kann es also sein, dass Kinder Tauben jagen, Städte Tauben vergiften und dass wir sogar "lieber einen Spatz in der Hand, als eine Taube auf dem Dach" haben?   

Ein kleiner Exkurs

Bereits in der Antike galten Tauben als besonders reine Vögel. Die alten Ägypter nutzten später ihren Kot als Dünger. Lange Zeit lebten sie an den Küsten des atlantischen und pazifischen Ozeans, bis die Menschen anfingen diese Gegenden zu bewohnen. Sie wurden als Haustiere gehalten, für den Verzehr gezüchtet oder aufgrund ihres guten Orientierungssinnes als Brieftauben genutzt. Mit der Zeit schwand jedoch der Bedarf für Brieftauben, weswegen ein Großteil von ihnen freigelassen wurde und sich in Städten für die Nahrungssuche ansiedelte.


Heutige Problematik

Heute findet man Tauben meist in Städten. Weil sie früher darauf getrimmt wurden sich schnell fortzupflanzen, vermehren sie sich rapide und verändern somit unser Stadtbild. In Deutschland sind rund 3,5 Millionen Tauben zu Hause. Unter der großen Taubenpopulation leiden die Tiere aber selbst am meisten: Denn obwohl Tauben Körnerfresser sind, bleibt ihnen aufgrund des Nahrungsmangels nichts anderes übrig, als unsere Reste zu verwerten. Und dass ihnen das nicht wohl bekommt, dafür spricht ihr weiß-grünlicher Kot, der ein Indiz für artenfremde Ernährung ist. 
Durch mangelnde und schlechte Nahrung sind sie anfällig für Krankheiten und Parasiten, die weniger für den Menschen, als für ihren Nachwuchs problematisch sind: Zwischen 80 und 90 Prozent der Küken sterben bereits im Nest. Vielen Tauben sind außerdem verletzt, ihnen fehlen Zehen oder auch ganze Füße. Der Grund dafür: Fäden oder Haare, die am Boden liegen, legen sich um ihre Beine und schnüren ihnen langsam die Gliedmaßen ab. Aber nicht nur das macht den Stadtvögeln zu schaffen: Viele Städte gehen vehement gegen die Existenz von ihnen vor, indem sie sie töten, vergiften und verjagen. Sogar Verhütungspillen, um ihre Vermehrung zu stoppen, kamen schon zum Einsatz.

 

Der Tauben-Faktencheck:
Mehr als nur ein "dreckiger Vogel"!

Weil die Taube so sehr polarisiert, gibt es kaum Menschen, die sich mit ihr befassen - geschweige denn wissen, was dieser Vogel eigentlich alles kann! Unser Faktencheck deckt auf, was alles in der Taube steckt!

1. Das Gedächtnis der Taube ist phänomenal: Sie kann bis zu 1800 verschiedene Bilder speichern! Mit ihrem ausgeprägten Orientierungssinn kann sie sich außerdem komplexe Flugrouten merken. Kein Wunder also, dass Tauben als zuverlässiger Briefkurier gedient haben.

2. Blitzschnell! Auch wenn man es ihr nicht sofort ansieht, die Taube kann bis zu 100 km/h schnell fliegen und gehört damit zu den 5 schnellsten Vogelarten.

3. Treue Seelen: Hat sich eine Taube einen Partner ausgesucht, bleibt sie ihr Leben lang mit ihm zusammen.

4. Gleichberechtigt: Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die männlichen Tauben genauso viele Hormone produzieren wie ihre weiblichen Partnerinnen. Dies erklärt, warum sich die beiden zu gleichen Teilen um ihren Nachwuchs kümmern.

5. Zutraulich und zahm: Aufgrund ihrer Vorfahren, die als Haustiere gehalten wurden, sind viele Tauben zutraulich und lassen sich manchmal sogar anfassen.


Wir stellen fest:

Die Taube ist viel mehr als das, wofür sie bekannt ist. Sie ist intelligent, schnell und sozial. Vor allem ist die Taube aber selber nicht zufrieden damit, wie ihre Lebensumstände heute sind.
Auch wenn sich die Situation der Tauben wohl leider nicht schnell verbessern wird, ist es sicherlich hilfreich zu lernen, sie mit anderen Augen zu sehen und Verständnis und Respekt für sie aufzubringen. Erst dann wird es möglich, ihr Image auf lange Sicht etwas aufzupeppen und ihr ein glückliches Taubenleben zu ermöglichen.

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Frag den Böhm

Dürfen wir vorstellen? Stefan Böhm, Vogelexperte!

Die ganze Welzhofer-Familie freut sich über die Zusammenarbeit mit dem Diplom-Biologen, Artenschützer und Vogelfreund. Als 5-jähriger hat Stefan eine junge, verletzte Wacholderdrossel gefunden und gesund gepflegt. Seitdem schlägt sein Herz für die heimischen Vögel. Neben seiner Tätigkeit als Sachbuchautor und Herausgeber der Naturschutzzeitschrift „Spektiv“ ist er vor allem im Artenschutz aktiv.
Stefan Böhm ist der Welzhofer-Experte rund um Wildvögel, Artenvielfalt und Artenschutz.
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